"Kann man autistisch sein und trotzdem sehr empathisch?"
- Sabrina G.
- 4. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Eine häufige Aussage, die ich in Autismus-Diagnostiken höre, lautet:
„Autismus kann eigentlich nicht sein. Ich bin viel zu empathisch.“
Viele Menschen verbinden Autismus noch immer mit dem Bild einer Person, die wenig Gefühle zeigt, Schwierigkeiten hat, andere Menschen zu verstehen oder sich kaum für zwischenmenschliche Beziehungen interessiert.
Doch dieses Bild ist oft unvollständig.
Gerade bei vielen spät diagnostizierten Erwachsenen – insbesondere Frauen – ist das Gegenteil der Fall: Sie erleben sich als sehr empathisch, nehmen Stimmungen intensiv wahr und machen sich viele Gedanken über andere Menschen. Manche arbeiten sogar in sozialen Berufen, sind Therapeut:innen, Pädagog:innen, Pflegekräfte oder Berater:innen.
Wie passt das zusammen?
Was bedeutet Empathie eigentlich?
Wenn wir von Empathie sprechen, meinen wir oft verschiedene Dinge gleichzeitig.
Dabei werden zwei Bereiche häufig miteinander vermischt.
Emotionale Empathie
Emotionale Empathie bedeutet, auf die Gefühle anderer Menschen emotional zu reagieren und von ihnen berührt zu werden.
Zum Beispiel:
Jemand erzählt von einer belastenden Erfahrung und Sie spüren selbst Betroffenheit oder Mitgefühl.
Sie sehen, dass jemand verletzt oder ausgeschlossen wird, und möchten helfen.
Die Freude eines anderen Menschen steckt Sie an.
Das Leid eines Menschen oder Tieres berührt Sie tief.
Sie können emotional nachvollziehen, wie sich eine Situation für einen anderen Menschen anfühlen könnte.
Viele autistische Menschen berichten von einer ausgeprägten emotionalen Empathie.
Soziale Informationsverarbeitung
Daneben gibt es die Fähigkeit, soziale Informationen einzuordnen und zu verstehen.
Zum Beispiel:
Was meint mein Gegenüber zwischen den Zeilen?
Warum reagiert diese Person gerade so?
Was wird in dieser Situation von mir erwartet?
Welche unausgesprochenen Regeln gelten hier?
Ist die Stimmung gerade angespannt oder entspannt?
Diese Fähigkeiten werden häufig ebenfalls als Empathie bezeichnet, obwohl sie etwas anderes beschreiben.
Man kann sehr mitfühlend sein und trotzdem Schwierigkeiten haben, soziale Situationen eindeutig zu interpretieren.
„Ich spüre alles – aber ich verstehe nicht immer, was ich damit anfangen soll.“
Viele Betroffene beschreiben genau diesen Widerspruch.
Sie nehmen Stimmungen sehr intensiv wahr.
Sie merken, dass etwas „nicht stimmt“.
Sie fühlen sich von den Emotionen anderer Menschen oft stark beeinflusst.
Gleichzeitig fällt es ihnen manchmal schwer, die Situation eindeutig einzuordnen.
Ist die andere Person genervt?
Enttäuscht?
Überfordert?
Oder hat sie einfach einen schlechten Tag?
Das kann dazu führen, dass soziale Situationen viel Energie kosten, obwohl eigentlich ein großes Interesse an anderen Menschen besteht.
Wenn zu viel wahrgenommen wird
In Diskussionen über Autismus wird häufig davon ausgegangen, dass Schwierigkeiten vor allem durch ein Zuwenig an sozialer Wahrnehmung entstehen.
Viele Betroffene beschreiben jedoch eher das Gegenteil.
Manche berichten, gleichzeitig sehr viele Informationen wahrzunehmen:
Stimmungen im Raum
Veränderungen in Mimik und Tonfall
Eigene emotionale Reaktionen
Hintergrundgeräusche
Lichtverhältnisse
Körperliche Empfindungen
Die Bedürfnisse und Erwartungen anderer Menschen
Diese Vielzahl von Eindrücken muss fortlaufend eingeordnet, gefiltert und reguliert werden.
Die Herausforderung besteht dann nicht unbedingt darin, zu wenig wahrzunehmen, sondern vielmehr darin, mit der Menge der gleichzeitig eintreffenden Informationen umzugehen.
Dies kann zu Überforderung, Erschöpfung oder dem Bedürfnis nach Rückzug führen.
Für manche autistische Menschen fühlt sich eine soziale Situation nicht deshalb anstrengend an, weil sie zu wenig wahrnehmen, sondern weil sie zu viel gleichzeitig wahrnehmen.

Soziale Anpassung ist nicht immer bewusst
Wenn von Masking oder sozialer Kompensation gesprochen wird, entsteht manchmal das Bild eines Menschen, der ständig bewusst soziale Regeln analysiert und gezielt einstudierte Verhaltensweisen anwendet.
In der Praxis ist das oft deutlich komplexer.
Insbesondere bei vielen Frauen und Menschen mit einem eher weiblichen Erscheinungsbild von Autismus laufen soziale Anpassungsprozesse häufig sehr automatisiert ab. Sie berichten nicht unbedingt davon, bewusst Rollen zu spielen oder soziale Skripte einzusetzen. Stattdessen beschreiben manche, dass sie sich nahezu automatisch auf ihr Gegenüber einstellen. Andere sprechen davon, ein „soziales Chamäleon“ zu sein. Sie verhalten sich oft so, wie es in der jeweiligen Situation erwartet wird, passen Sprache, Mimik oder Auftreten an und orientieren sich stark an ihrem Gegenüber. Von außen wirkt dies häufig intuitiv und selbstverständlich.
Der dabei entstehende Aufwand bleibt jedoch oft unsichtbar.
Viele Betroffene berichten, dass sie nach sozialen Kontakten erschöpft sind, Rückzug benötigen oder das Gefühl haben, erst einmal wieder bei sich selbst ankommen zu müssen. Manche verbringen anschließend viel Zeit damit, Gespräche nachzudenken, Situationen zu analysieren oder Unsicherheiten zu sortieren.
Entscheidend ist dabei:
Nicht jede Form von Masking oder sozialer Kompensation ist bewusst.
Auch hoch automatisierte Anpassungsprozesse können erhebliche kognitive und emotionale Ressourcen binden. Dass etwas automatisch abläuft, bedeutet nicht, dass es keine Energie kostet.
Warum viele autistische Erwachsene für besonders empathisch gehalten werden
Ein weiterer Grund für die Verwirrung ist, dass viele Menschen im Laufe ihres Lebens sehr aufmerksam beobachten lernen.
Sie analysieren Gespräche.
Sie achten auf Stimmungen.
Sie entwickeln ein feines Gespür für zwischenmenschliche Dynamiken.
Manche werden sogar von ihrem Umfeld als besonders verständnisvoll, reflektiert oder empathisch beschrieben.
Von außen wirkt dies oft wie ein Gegenargument gegen eine Autismus-Diagnose.
Tatsächlich sagt es jedoch zunächst wenig darüber aus, wie viel Energie dieser Prozess kostet oder welche inneren Anstrengungen damit verbunden sind.
Das Ergebnis kann ähnlich aussehen wie bei neurotypischen Menschen – der Weg dorthin kann jedoch ein anderer sein.
Besonders Frauen zweifeln deshalb häufig an einem möglichen Autismus
Viele Frauen berichten in Diagnostikgesprächen:
„Ich habe doch Freundschaften.“
„Ich interessiere mich sehr für Menschen.“
„Andere kommen mit ihren Problemen zu mir.“
„Ich bin sehr sensibel für die Gefühle anderer.“
„Ich verstehe doch, wie es anderen geht.“
Deshalb schließen sie Autismus oft selbst aus.
Gerade bei Menschen mit einem eher weiblichen Erscheinungsbild von Autismus werden autistische Merkmale häufig übersehen oder anders interpretiert. Das liegt unter anderem daran, dass soziale Anpassungsleistungen, intensive Selbstbeobachtung und ein ausgeprägtes Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen nicht dem entsprechen, was viele Menschen mit Autismus verbinden.
Tatsächlich sind diese Erfahrungen jedoch kein Gegenargument gegen eine Autismus-Spektrum-Störung.
Entscheidend ist nicht, ob jemand empathisch ist.
Entscheidend ist vielmehr die Gesamtheit der Erfahrungen:
Wie werden soziale Situationen erlebt?
Wie viel Energie kosten sie?
Gibt es Missverständnisse trotz großer Bemühungen?
Besteht ein hohes Bedürfnis nach Rückzug und Regeneration?
Gibt es Besonderheiten in der Reizverarbeitung?
Zeigen sich typische Muster bereits seit der Kindheit?
Erst aus diesem Gesamtbild ergibt sich eine diagnostische Einschätzung.
Empathie und Autismus schließen sich nicht aus
Die Vorstellung, autistische Menschen seien grundsätzlich unempathisch, gilt heute als überholt.
Viele autistische Erwachsene beschreiben sich eher als das Gegenteil:
Sie fühlen intensiv.
Sie denken viel über andere Menschen nach.
Sie möchten niemanden verletzen.
Sie übernehmen häufig sogar zu viel Verantwortung für das Wohlbefinden anderer.
Manchmal besteht die Herausforderung nicht darin, zu wenig wahrzunehmen, sondern die Vielzahl wahrgenommener Informationen zu regulieren, einzuordnen und mit ihnen umzugehen.
Fazit
Wenn Sie sich als empathisch, mitfühlend und sensibel erleben, schließt das Autismus nicht aus.
Gerade bei Frauen und Menschen mit einem eher weiblichen Erscheinungsbild von Autismus können Empathie, soziale Anpassungsfähigkeit und ein scheinbar intuitiver Umgang mit anderen Menschen dazu beitragen, dass autistische Merkmale lange übersehen werden – von außen, aber oft auch von den Betroffenen selbst.
Empathie und Autismus sind kein Widerspruch.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Sie mitfühlen können.
Sondern wie Sie soziale Situationen erleben, wie viel Energie sie kosten und welches Muster sich über Ihr gesamtes Leben hinweg zeigt.
Sie möchten eine Autismus-Diagnostik im Erwachsenenalter durchführen lassen?
In meiner Praxis biete ich eine leitlinienorientierte Autismus-Diagnostik für Erwachsene an. Dabei werden nicht einzelne Merkmale isoliert betrachtet, sondern die persönliche Entwicklung, aktuelle Lebenssituation und die Gesamtheit der Erfahrungen in die diagnostische Einschätzung einbezogen.
Wenn Sie Fragen zum Ablauf haben, können Sie gerne Kontakt mit mir aufnehmen.



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